Archiv für September 2015

Potse & Drugstore bleiben! (Redebeitrag zur Demo)

Wie ihr vielleicht alle schon wisst, haben wir vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg für die Räume unserer beiden Jugendzentren Potse und Drugstore zum 31.12.2015 die Kündigung erhalten. Auch dem Stadtteilladen im selben Gebäude ist gleiches erfahren. Der Eigentümer des Hauses will laut Bezirk eine höhere Miete und hat dem Bezirk provisorisch gekündigt.

Derzeit stehen sowohl der Bezirk mit dem Eigentümer als auch wir mit dem Bezirk in Verhandlungen. Es ist noch offen, wie und wo wir unsere Läden weiterführen können. Es gab bereits ein Angebot umzuziehen und wir werden gefragt, warum wir nicht auf diese oder auf andere Ideen des Bezirks freudestrahlend reagiert haben. Der Grund ist folgender: Wir wollen nicht aus nostalgischen Gründen den aktuellen Standort erhalten – obwohl sicher unsere 43 jährige Geschichte auch Teil der Geschichte Berlins ist – , sondern wir wollen das aktuelle Angebot unserer Jugendeinrichtungen für den „Problemkiez Sozialpalast“ erhalten.

Unsere Angebote sind es, die unsere Läden ausmachen und die wir nicht kompromisslos weggestrichen sehen wollen. Unsere Forderung ist deshalb die Erhaltung folgender Angebote:

  1. Bei uns war und bleibt der Eintritt kostenlos!
    Jugendliche ab 14 Jahren aus bestimmten sozialen Schichten haben wenig Geld. Selbst ein geringer Eintritt von 2-3 Euro schließt Menschen bei der Beteiligung des sozialen Lebens aus. Wir stellen uns gegen diesen Ausschluss. Auch für Geflüchtete stehen unsere Türen immer offen. Das ist nur möglich, wenn wir wie bisher keinen Eintritt verlangen müssen.
  2. Selbstverwaltung
    Das Konzept der Selbstverwaltung ist Teil der alternativen Kultur Berlins. Die Entstehung vieler alternativer Kultur- und Lebensprojekte geht zurück auf das Berlin der 70er und 80er Jahre und ist damit fester Bestandteil von unseren Läden, die in der Zeit gegründet wurden. Wir lassen uns nicht reinreden von Staatsbeamten oder schlecht bezahlten Sozialarbeitern.
  3. Zwei Konzertsäle
    Am Wochenende finden meist sehr unterschiedliche Veranstaltungen in unseren beiden Läden statt. Manchmal findet in einem Laden ein Punk-Konzert statt und im anderen eine avantgardistische Lesebühne.
  4. Zwei Proberäume
    Wir bieten seit Jahren einen großen und einen kleinen Proberaum für viele junge Bands aus Berlin an. Diese Proberäume werden täglich genutzt und die Musiker verwalten sie selbst. Sie veranstalten eigene Konzerte und sammeln so Geld z.B. für Reparaturen der Proberaumausstattung oder neues Equipment.
  5. Ein Fotolabor
    Wir bieten eine Dunkelkammer mit Arbeitsplätzen an zwei Vergrößerungsgeräten, Trockenpresse und zwei Reinigungsbecken.
  6. Eine Fahrradwerkstatt
    Wir bieten Werkzeug und Flickhilfe für Fahrradreparaturen an.
  7. Eine Siebdruckwerkstatt
    Unsere eigenen T-Shirts wurden hier von Jugendlichen gedruckt. Das braucht viel Raum zum Aufhängen und für das nötige Zubehör, wie Siebe, Belichtung und Trockenkammer.
  8. Sanitäreinrichtungen, die auch für größere Veranstaltungen ausreichen
    Wir haben Veranstaltungen, die von mehreren hundert Leuten besucht werden. Beim jährlichen Festival werden dieses Jahr mehrere hundert Besucher erwartet. Dafür gibt es ein Glück aktuell ausreichend Toiletten. Das muss eingeplant sein.
  9. Keine direkt angrenzenden Wohnflächen
    Damit sich Nachbarn nicht beschweren, wenn die Konzerte mal etwas länger gehen
  10. Perspektive auf mindestens 10 Jahre
    Es sollte klar sein, dass es eine Perspektive für uns geben muss und wir nicht in ein paar Jahren wieder vor dem Rausschmiss stehen.
  11. Gute Anbindung an öffentlichen Verkehr
    Damit neben der kiezweiten auch überregionale Jugendarbeit bestehen bleibt. Was bringt es uns, wenn wir am Rande der Stadt Jugendarbeit ohne Jugendliche weiterführen.
  12. Einen Raum für Büroarbeiten
  13. Einen Raum für Internetnutzung durch Jugendliche
  14. Ein Getränkelager
    Wir brauchen Platz für Getränkekisten und Kühlschränke

Dies sind unsere minimalen Forderungen, um unser Angebot und die Angebotsstunden (durch die der Bezirk übrigens Gelder vom Land Berlin bekommt) weiter zu ermöglichen, denn bis auf die Perspektive sind die geforderten Punkte eine Bestandsaufnahme unserer aktuell vorhandenen Möglichkeiten in den Läden.

Eine „Verdichtung“ und Zusammenlegung mit anderen Einrichtungen oder ein Umzug kann nur als realitätsfern und als schlechter Scherz bezeichnet werden. Von einem „gleichbleibendem Angebot“ kann dann wohl kaum die Rede sein.

Alle Arbeit wird (seit 43 bzw. 36 Jahren) von Ehrenamtlichen in Selbstverwaltung gemacht. Ein Umzug ist mit viel zusätzlicher Zeit und Arbeit verbunden, die die Ehrenamtlichen auf sich nehmen müssten. Angebote werden dadurch notgedrungen eingeschränkt oder müssten sogar ganz wegfallen. Die Art und Vielfalt der Angebote unserer Läden ist das Produkt von stundenlanger Arbeit unterschiedlicher Menschen. Mit einem Umzug kann man zwar Geräte und Equipment von einem Ort zum anderen bringen, Menschen und deren Erinnerungen wird man aber aus den unterschiedlichsten Gründen schwer verpflanzen können. Ein Umzug würde jugendlichen Besuchern aus dem Kiez die vertraute Umgebung nehmen, die wir ihnen bieten.

Zudem gefährdet der Zusammenschluss mit staatlichen Einrichtung die Eigenständigkeit unserer Läden. Gibt es einen politischen Willen selbstverwaltete Einrichtungen, die zur Geschichte Berlins gehören, zu erhalten oder eher einen Wunsch sie verschwinden zu lassen? Selbstverwaltete Einrichtungen sind unabhängig und lassen sich schlecht manipulieren. Verträge vom Bezirk bezahlter Beschäftigter hingegen können aus Sachzwängen eingespart werden und stehen dann beim Ausverkauf und der Stadtplanung für Besserverdienende nicht mehr im Weg. Bei der Stadtplanung sollte man aber auch die Frage nach sozialer Infrastruktur stellen. Wie wird sich der Wegfall solcher Angebote auf die Nachbarschaft auswirken? Was plant der Investor im Gebäude? Vielleicht ein Hostel? Der Auszug unserer Einrichtungen aus den aktuellen Räumen wäre auch eine Kapitulationerklärung an den Kiez im Kampf gegen Verdrängung und Gentrifizierung.

Wir lassen uns nicht unter angebliche Sachzwänge unterwerfen, die der Bezirk und das Land Berlin selbst zu verantworten hat, weil er das Gebäude an einen privaten Investor verkauft hat und die steigenden Mietpreise durch Aufwertung der Umgebung nicht als Realität ansieht.

Wir fordern ein realistisches Angebot, welches die oben genannten Punkte berücksichtigt! Wir fordern eine Perspektive und die Einhaltung der Verträge mit unserem Trägerverein! Wir fordern einen politischen Willen zur Erhaltung von selbst-verwalteter Jugendarbeit!

Darum heißt es: Potse & Drugstore bleiben!

English:

Hands Off Drugstore!
Hands Off Potse!

Most have heard that the district of Tempelhof-Schöneberg has terminated the contract with Drugstore and Potse, two autonomous youth centers (selbstverwaltete Jugendzentren) as of December 31. The district council says it is still in negotiations with the property owner, who raised the rent and – according to the council – wants to evict us out of the third floor.

We already received an offer to relocate to another place. Incredibly they asked us, why we didn‘t react positively to their offer to save our venues. We do not have nostalgic reasons – although our 43 year-old history is very much a part of Berlin’s history – but want to sustain the current choice of activities for youth in the area around „Sozialpalast“, this district, and beyond.

Our choice of different activities for youth is the heart of our work. These are our minimum demands to sustain our projects:

  1. Free entry
  2. Self-government
  3. Two concert stages
  4. Two rehearsal rooms
  5. A photo lab
  6. Room for silk screen printing
  7. Rest rooms for big events
  8. No direct neighbors
  9. Minimum future perspective of 10 years
  10. Good connections to public transport
  11. A room for paper work
  12. A room for internet
  13. A storage area for beverages

These are the minimum demands needed to continue our work (for which the district receives financial support from the city of Berlin BTW). This represents what we currently have and offer. Some sort of „Verdichtung“ (concentration) together with a state-run community centers can only be considered far from reality, a bad joke. Furthermore this no way maintains a „gleichbleibendes Angebot“ (unchanged range of products/services).

All the youth work we‘ve done for over 43 years is taken care of by the volunteers, who run it autonomously. A relocation would be additional work and time that they would be called on for. The choices of activities for youth would obviously get cut or terminated altogether in any transition period. The range of offers we have for young adults and adolescents is the result of hard work by a lot of different persons. You can relocate the equipment, but you cannot relocate easily people with all their memories. A relocation will also throw our young visitors out of their familiar environment.

Furthermore the integration of our self-governed projects into state-driven community center will destroy our autonomy. Is there a political will to preserve self-governed places like ours? That are a part of Berlin’s history? Do we wish to see them vanish? Self-governed places are known as places of opposition and are harder to manipulate, while contracted social workers who are paid by the district will also always act primarily in their own interests. They would not stand in the way of city planning for the rich and wealthy. But urban management and planning must include those considerations to maintain a social infrastructure. How does the relocation of youth centers modify the social structures of the surrounding area? What actually is the new investor planning? A hostel?

We do not submit to the politics of austerity which are the result of political decisions taken by the district and the City. The authorities sold the building to a private investor and now don‘t want to pay the higher rent demanded by the gentrification of the Sozialpalast area and is a direct result of their political moves.

We demand a real alternative that keeps our current choice of activities for youth. We demand the compliance with the contacts with us! This is why we say: Potse & Drugstore stay!

Demo am 16.09.2015

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Wie kann man helfen?

Wir werden oft von Unterstützern gefragt, wie sie uns helfen können, um Potse/Drugstore zu retten.

Am 10.9. tagt der Jugendhilfeausschuss – bei dem es auch um unsere Zukunft geht – im Rathaus Schöneberg. Kommt vorbei und unterstützt uns!

Am 16.9. tragen wir unseren Protest auf die Straße. Zur Organisation und Mobilisierung brauchen wir viele Helfer.

  • Flyer und Plakate für die Demo können im Buchladen Schwarze Risse in den Mehringhöfen oder bei uns zum Verkleben/Verteilen abgeholt werden.
  • Teilt unseren Event auf Facebook
  • Helft mit am 15.9. Transparente für die Demo zu malen
  • Kommt zur Demo um 14 Uhr vor Potse/Drugstore
  • Kommt später zur Abschlusskundgebung am Rathaus Schöneberg mit Konzert um 16 Uhr
  • Kommt später zur BVV im Rathaus Schöneberg ab 17 Uhr (geht meist bis lange über 20 Uhr)
  • Tragt den DIY/Selbstverwaltungs-Gedanken weiter! Ihr könnt uns auch unterstützen und Arbeit abnehmen, indem ihr eigene Aktionen plant und organisiert, die auf unsere Situation aufmerksam machen.

Am 17.9. tagt zum letzten mal der Hauptausschuss im Rathaus Schöneberg über die Geldverteilung im Bezirk für 2016 und 2017. Kommt zahlreich vorbei und unterstützt uns!