Archiv für Juli 2021

Teilhabe der Kollektive Drugstore & Potse an der Ausstellung „BERLIN GLOBAL“ im Humboldt Forum in Berlin

Teilhabe der Kollektive Drugstore & Potse an der Ausstellung „BERLIN GLOBAL“ im Humboldt Forum in Berlin

Am 20.07.2021 eröffnet die Austellung „BERLIN GLOBAL“ im sogenannten Humboldt Forum. Dort haben wir, die Kollektive von Drugstore und Potse, einen Bereich zur Verdrängung unserer Jugendzentren und anderer Subkulturen in Berlin gestaltet.

Was ist die „BERLIN GLOBAL“ Ausstellung?

Die „BERLIN GLOBAL“ Ausstellung ist eine durch Kulturprojekte Berlin GmbH und Stadtmuseum entstandene Ausstellung, die sich mit Berlins Vielfalt, Historie und Gegenwart beschäftigt. In verschiedenen Bereichen werden diverse Themen, die die Bewohner*innen und Akteur*innen der Stadt beschäftigt zur Sprache gebracht, entweder durch großflächige Installationen oder Ausstellungsstücke, interaktiv oder nur zum Anschauen.

Was ist das Humboldt Forum?

Das Humboldt Forum ist ein am 16.12.2020 (online) eröffneter Wiederaufbau des im Jahre 1950 gesprengten preußischen Stadtschlosses, welches jahrelang als Hauptresidenz der brandenburgischen Kurfürsten, preußischen Könige und deutschen Kaiser diente. Seit jeher gilt es als nationalpolitisches Symbol und glorifiziert ein Deutschland vor 1919. Für Menschen, die sich also gern nicht mehr mit den Verbrechen der faschistischen Nazidiktatur nach 1919 auseinandersetzen und stattdessen eine preußische Identität Deutschlands abfeiern wollen, ist dieser (Wiederauf-)Bau ein Volltreffer. In der Kritik steht das Humboldt Forum vor allem darum, weil es Raubkunst ausstellt. Im besonderen geht es dabei um die sogenannten Benin-Bronzen, welche im 18. Jahrhundert aus dem Königreich Benin durch britische Kolonialtruppen geraubt wurden und trotz Rückgabeersuchen und Kritik aus allen Ecken bisher nicht an Nigeria zurückgegeben wurden.

Wie kam es zu der Zusage?

Im Jahr 2018 haben sich die Kurator*innen der „BERLIN GLOBAL“ Ausstellung an unsere Kollektive gewandt und gefragt, ob wir Interesse daran haben, einen Bereich im Raum „Freiraum“ innerhalb der geplanten „BERLIN GLOBAL“ Ausstellung zu gestalten. Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt mitten in unserem Existenzkampf innerhalb unserer Räume in der Potsdamer Str. 180, weshalb die Kurator*innen auf uns aufmerksam wurden. Die Kollektive haben mehrere Plena lang diskutiert, in wie weit eine Teilhabe an der Ausstellung vertretbar wäre, vor allem in Hinblick auf den Ausstellungsort, das Humboldt Forum. Im Zuge dieser Diskussion wurde klar, dass wir, als größtenteils weiße Kollektive, unsere privilegierte Position nutzen wollen, um Kritik von innen auszuüben und dekolonialen Gruppen ein Sprachrohr anzubieten. Des Weiteren war für uns klar, dass eine Ausstellung über Berlin nicht ohne linke Freiräume auskommen darf. Außerdem wurde den Kollektiven zugesichert, dass die „BERLIN GLOBAL“ Ausstellung ein Teil der kostenlosen Ausstellungen im Humboldtforum sein wird und somit unser Leitmotto „Alles für alle und zwar umsonst“ auch dort zu Tragen kommt.

Wie sollte die Kritik ausgeübt werden?

Wir wollten unseren Beitrag zur Ausstellung dort nicht unkommentiert stehen lassen und den Raum nicht zu selbstdarstellerischen Zwecken nutzen, sondern auch auf die kolonialen Kontinuitäten aufmerksam machen, die das Humboldtforum wie viele andere Museen in Deutschland – trotz zahlreicher Forderungen nach Aufarbeitung! – weiterhin unkritisch fortführt.
Mit der künstlerischen Gestaltung des Raums sollte auf kolonialen Kontinuitäten des Humboldtforums aufmerksam gemacht werden, in Form von Wandbildern, einem Tisch voller Infomaterial und weiterführenden Links, die als QR-Codes per Sticker an die Wand gebracht wurden.

Was ist passiert?

Wir sahen damals, als wir die Anfrage bekamen, in der Ausstellung für uns die Chance, die stadtpolitische Untätigkeit gegen Gentrifizierung und Verdrängung anzugreifen und wohnungspolitischen Druck aufzubauen. Dabei haben wir der Rolle, die die deutsche Kolonialgeschichte und ihrer Kontinuitäten bei Ausstellungen im Humboldtforum einnimmt, nicht die Wichtigkeit beigemessen, die sie hat. Oder deutlicher gesagt: wir dachten, dass wir dieser riesigen Aufgabe gerecht werden und sind aber an unseren eigenen Anforderungen gescheitert. Als linke Kollektive, die sich als antirassistisch verstehen, haben wir uns (fälschlicherweise) im Vorfeld nicht ausführlich genug über die Geschichte des Stadtschlosses, die Bedeutung des Wiederaufbaus und die allgegenwärtige Kritik von BIPoC-Aktivist*innen informiert – dabei wäre genau das unsere Aufgabe und antirassistische Praxis gewesen: uns über antikoloniale Kritik am Humboldtforum zu informieren, diese Kritik anzuerkennen und Forderungen zu unterstützen, die von verschiedenen Initiativen schon vor mehreren Jahren und seitdem immer wieder z.B. an die Leitung des Humboldtforums gestellt wurden. Auch wenn wir uns an einzelne Gruppen gewandt haben, um diesen die Möglichkeit zu bieten, diese Bühne für ihre Kritik zu nutzen und unsere Kollektive damit zu trainieren, haben wir dieses Vorgehen nicht mit der nötigen Dringlichkeit verfolgt.

Die Schwierigkeit Kritik von innen auszuüben ohne sich dabei als „Feigenblatt“ ausnutzen zu lassen, ist uns beim Aufbauen der Ausstellung immer stärker bewusst geworden.

Wie geht es jetzt weiter?

Vermutlich würden wir uns als Kollektive heute entschlossen dagegen entscheiden, diese Anfrage anzunehmen. Zum heutigen Zeitpunkt jedoch sehen wir uns vor allem in der Verantwortung, den Raum für die Kritik daran zu nutzen, was im Humboldtforum sowie in der Berliner Stadtpolitik schiefläuft, und uns nicht für die Imagepolierung des Humboldtforums instrumentalisieren zu lassen. Wir stehen weiterhin gegen alles, was das „Stadtschloss“ und das Humboldtforum symbolisieren – gegen Nationalstolz, Geschichtsvergessenheit und Nicht-Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus.
Wir wollen unserem Bildungsauftrag so gut es geht gerecht werden und haben den Raum innerhalb des Humboldtforums auch dazu genutzt, um auf die kolonialen Kontinuitäten und die zweifelhafte Umgangsweise des Museums aufmerksam zu machen und Forderungen an dekoloniale Praxis innerhalb des Gebäudes zu platzieren. Gleichzeitig sehen wir uns als Kollektive in der Verantwortung, uns jetzt erst recht mit der (deutschen) Kolonialgeschichte und ihren Kontinuitäten auseinanderzusetzen.

Dadurch, dass die Ausstellung nun über einen sehr langen Zeitraum geplant und erarbeitet wurde, haben sich auch andere Meinungen abseits der anfänglichen Meinung innerhalb der Kollektive gebildet. Deshalb zieht sich die Potse als Kollektiv mittlerweile aus der Ausstellung zurück, siehe Statement. Es sind jedoch weiterhin Artefakte innerhalb der Ausstellung zu sehen, die die Potse innerhalb dieser Ausstellung zeigen.

Das Drugstore-Kollektiv hat sich gegen einen Ausstieg aus der Ausstellung ausgesprochen. Wir sind uns über das Paradoxon bewusst, dass das Drugstore seit 2018 im Exil sitzt, während das Jugendzentrum nun im Museum „ausgestellt“ wird. Sozusagen ein Raum gefunden wurde, dieser aber einen Vergangenheitscharakter hat, da der Beitrag im Ausstellungsbereich „Freiraum“ nur angeguckt aber nicht aktiv bzw. nicht zur Gänze genutzt werden kann. Unseren Beitrag zur Ausstellung verstehen trotzdem wir weiterhin als Bildungsort nicht als „Ausstellung“.

Mit diesem Statement wollen wir Verantwortung für unsere Entscheidung übernehmen und den Raum für Diskussionen und Kritik öffnen.

Das Drugstore-Kollektiv

Statement der Potse zum Humboldforum

Wir distanzieren uns von der Teilnahme an dem geplanten Ausstellungsteil „Freiräume“ in der Berlin Global Ausstellung des Stadtmuseums im Humboldt Forum.

Im Jahr 2018 wurden wir und das Drugstore-Kollektiv von den Kurator*innen angefragt ob wir einen Teil der Berlin Ausstellung im neuen Humbold Forum mitgestallten möchten. Beide Kollektive haben in ihrer damaligen Konstellation zu dem Projekt zugestimmt. Nun haben wir, das Potse-Kollektiv, sich aus verschiedenen Gründen dazu entschieden nicht weiter an dem Ausstellungsteil zu partipizieren.

Schon zu Beginn des Projekts gab es Kritik am Humboldtforum, die auch nicht an uns vorbei gegeangen ist. Diese beinhaltet unter anderem, dass das Ethnologische Museum sehr unreflektiert mit der europäischen Kolonialgeschichte umgeht und z.B. Raubkunst ausstellt. In unserem naiven Glauben, dass sich bis zur Eröffnung der Ausstellung eine Lösung finden wird, haben wir dennoch zu der Teilnahme zugestimmt.

Die Kolonialzeit war mit einer der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, welcher es unbedingt einer angemessenen Aufklärung sowie respektvollen Umgang bedingt. Dazu gehört auf der einen Seite eine Anerkennung der eigenen Schuld an den Geschehnissen sowie den Willen zur Reparation und eine intensive Bildungsarbeit. Die vergangenen Jahre haben allerdings gezeigt, dass die Bundesregierung sowie die Verwalter*innen des Kulturguts nur schleppende und fragwürdige Ambitionen zeigen dieser Verantwortung nachzugehen. Stattdessen sollen z.B. stark umstrittene Raubkunstobjekte wie die „Benin-Bronzen“ nun das Herzstück des Humboldforums werden, womit die Forderung der nigerianischen Regierung die Bronzen zurück zu geben, weitgehend ignoriert wird.

Es gab viel öffentlichen Druck von verschiedenen Gruppen, wie zum Beispiel Berlin Postkolonial und No Humboldt21, die bis heute gegen die Eröffnung protestieren und deren Gründe und Anliegen wir unterstützen wollen. Und diese Stimmen werden immer noch nicht Ernst genug genommen.
Wir möchten gerne mehr kolonialkritische Ansätze und anti-Rasissmus in unserer selbstverwalteten Jugendarbeit miteinbeziehen. Dieser Anspruch würde mit der Teilnahme an der Berlin Ausstellung allerdings nicht verwirklicht werden, da wir das Gefühl haben mit unserer Partizipation an dem Projekt das problematische Verhalten des Humboldforums zu legitimieren.
Unser Kollektiv ist sehr weiß, welches Privilegien mit sich zieht. Privilegien, die es zu reflektieren und abzubauen gilt. Wir verstehen unseren Aktivismus als Intersektional, denn wir können nicht über Verdrängung sprechen ohne dabei alle möglichen Formen der Diskriminierung mitzunennen. Der Kampf gegen Gentrifizierung ist auch ein Kampf gegen Rassismus. Wir möchten uns nicht anmaßen, mit unserer gesellschaftlichen Position, uns neben Kolonialgütern darzustellen und somit unseren anti-kolonialen Anspruch nicht gerecht zu werden.
Doch das alles ist, auch wenn es schon reichen würde, nicht der einzige Grund, warum wir das Projekt abbrechen.

Unsere Arbeit war schon immer unkommerziell und anti-kapitalistisch. Mit dem Einzug einer Ausstellung in einen Nachbau eines ehemaliges Monarchenschloss würden unsere politischen Ideale und Wertvorstellungen kontrovers erscheinen. Zudem ist es schon fast ironisch, dass wir seit 6 Jahren nun auf Ersatzraumsuche sind und die Politik dermaßen versagt, wir uns aber in einem der größten Museen Berlins austellen lassen könnten. Ein Museum ist oft ein Ausstellungsraum für Vergangenes, wir sind aber immer noch da und lassen uns nicht verdrängen. Unsere Arbeit und unser Kampf um mehr autonome Jugendarbeit in Berlin bleibt bestehen.

Diese Entscheidung ist das Ergebniss eines langen Prozesses in dem wir zusammen mit dem Drugstore-Kollektiv viele Möglichkeiten durchgesprochen haben, wie wir unsere Kritik am Humboldforum am besten deutlich machen können. Dabei sind die Meinungen der beiden Kollektive sehr weit auseinander gegangen, sodass wir uns dazu entschlossen haben, unterschiedlich damit umzugehen. Das Drugstore-Kollektiv hat sich dazu entschieden mit dem bereits fertig gestallteten Ausstellungsteil weiter an der Ausstellung teilzunehmen und versucht somit innerhalb der Räume Kritik zu üben. Wir möchten einen radikaleren Weg gehen und unsere Präsenz, so gut es geht, aus der Austellung rausnehmen. Wir sind solidarisch mit Allen, die gegen koloniale und rassistische Strukturen, Verdrängung und die Ausbeutung der Stadt kämpfen.

das Potse Kollektiv :)